Hydra

Für Reisende, lost in translation. Verloren im Raum, zwischen Worten Blicken und Gesten deren Nachhall Verwirrung schafft. Die Balance verloren Konzentration wankt umher ist ein Fremdwort für’s Gehirn Fokus eine Illusion. Da sind Lücken, eine Leere gestopft von Klängen und Gesprächen die wie Sand hindurchrieseln, … Hydra weiterlesen

Wunschkonzert

Mitten im Frühlings-Wirrwarr erzählte Emil mir von einem Projekt, das er gemeinsam mit seinen beiden Kommilitoninnen verwirklichen wollte. Einen Poetry-Film zur Frage: Was ist Design? So richtig befriedigend beantworten kann das nämlich meistens niemand auf Anhieb – warum also nicht versuchen, das Ganze szenisch und am Beispiel darzustellen? Alles was er noch als Grundlage brauche, sei ein Text und die fünf Schlagwörter dazu, die hatte Emil auch gleich parat. Ob ich mich nicht daran versuchen wolle? Klar.

Da ich vorher noch nie einen Slam-Text geschrieben hatte, setzte ich mich einfach mit Stift und Block auf die nächste Wiese und ließ den Assoziationen freien Lauf zu Handlanger, the early bird, Software, Rollfeld und Castingshow. Herausgekommen ist am Ende ein recht meditativer Text. Welches Kopfkino Emil, Katrin und Annabelle daraus gezaubert haben, das seht ihr euch am besten selbst an:

London blues

Die Abschiedsstrategie lautete: Lieblingsorte. Und so war ich stundenlang durch Hyde Park und Kensington Garden spaziert, vorbei an Orangerie und Serpentine lake, über geharkte Wege und unter kleinen, bewachsenen Brücken hindurch, hatte mich über Plätze und durch die Gänge des wuseligen Camden Market treiben lassen und die zugleich schläfrige und geschäftige Atmosphäre eines letzten Samstagnachmittags aufgesogen. Der Zeitpunkt des Abflugs rückte definitiv zu schnell zu nahe und schweren Herzens, aber auch ein wenig wiedersehensfreudig, war ich tags darauf durch die Sicherheitskontrolle gelaufen, spürte wenige Stunden später, zum ersten Mal nach vier Monaten, wieder deutschen Boden unter den Füßen.

Hatte ich mich vorhin noch am englischen Zeitschriftenstand nach empfehlenswerter Bordlektüre erkundigt, stand ich nun beim Münchner Bäcker, kaufte eine Butterbrezn und ertappte mich mit Blick auf’s Schild  bei dem Gedanken, dass der Preis doch irgendwie günstig sei. Und auch sonst ist alles so anders. Obwohl Londons innerste Zonen vollgestopft sind mit Autos und Häusern und Menschen, so war ich rückblickend gesehen ziemlich ruhig gewesen; einfach, weil die Leute es dort auch sind – oder zumindest vorgeben, es zu sein. Da sitzt man morgens in einem Bus, der sich nur im Schritttempo vorwärts bewegt und trotzdem blickt man gelassen aus dem Fenster, denn man kann ja sowieso nichts dran ändern. Niemand wird schneller sein, wenn jeder zur selben Zeit vorankommen will. Wo sich hier in Deutschland wohl schon längst fluchende und verärgert vor sich hin murmelnde Menschen aneinander vorbeigedrängelt hätten, sitzt man dort schweigenden Mitfahrern gegenüber, deren Gesicht keinerlei Regung verrät. Und auch sonst gilt: Aufregen bringt niemandem etwas. Gleichzeitig ähnelt die Stadt einem einzigen Wimmelbild. Da stehen herrschaftliche, verschnörkelte Villen dicht gedrängt an abgeranzten und mit Graffiti besprayten Backsteinbauten und direkt daneben türmt sich ein Klotz aus Stahl und Glas. Da läuft man auf der Rolltreppe an Verschleierten und Turbanträgern und Tätowierten vorbei und hört Englisch, Indisch, Deutsch, Spanisch, völlig egal, jeder gehört hier hin. Und damit man in all diesem geordneten, weil normalen, Chaos nicht verrückt wird, hilft nur sinnliche Abschottung.

Um den Tausch von Rummel gegen Ruhe, von Millionenstadt gegen Bodensee-Idyll nicht allzu abrupt werden zu lassen, habe ich mir für die kommenden Monate Projekte vorgenommen, mit und ohne Deadline. Bachelor Thesis schreiben zum Beispiel und ganz viel Musik machen. Aber wenn mich die Gedanken zwischen Büchern, Sticks und Streicherbogen wieder zurückwerfen ins erste Drittel dieses Jahres, in diesen buchstäblichen melting pot namens London, dann brauche ich einfach nur die vielen kleinen Momente hervorzukramen, die mir die Stadt und ihre Bewohner beschert haben – und schon ist die Kopfreise da:

  • Die Fahrt, während derer ich eines Nachts nach einem Konzertbesuch ganz allein vorne im Oberdeck sitze, Schemen von Gebäuden vorbeiziehen und die Statuen aussehen, als würden sie gleich zum Leben erwachen. Und dieses Lied macht dazu alles so leicht wie die prasselnden Regentropfen draußen.

Blues 1

  • Die Mittagspause, in der ich beschließe, mich am Trafalgar Square niederzulassen, obwohl es (mal wieder) regnet und in der schließlich beim Sonnendurchbruch alles zu leuchten beginnt.

Blues 2

  • Die Zeitungsstapel, die man auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause in die Hand gedrückt bekommt oder sich ganz einfach greifen kann und die sehr beliebt sind bei Pendlern, da man sich wunderbar hinter ihnen vergraben kann.

Blues 3

  • Die Straßenkünstler und ihre kitschig-wirksame Idee, an Geld zu kommen (und auch an meine Pounds).

Blues 4

  • Diese eigens kreierte Werbung von Leuten aus meinem Viertel, die offenbar keine Lust mehr hatten auf McDonald’s-Banner.

Blues 5

  • Das Zerreißen der nächtlichen Stille kurz vor Schließung der Tubestation, wenn alle sich (ein wenig schläfrig und/oder betrunken) ein Stück des Weges auf der Rolltreppe tragen lassen und plötzlich ein ziemlich ausgelassener Mensch mit widerhallendem Pfeifen vorbeispurtet.
  • Die Schlangen vor den Theater- und Opernhäusern und in ihnen manch erwartungsvolle Gesichter, auf ein letztes übriges Ticket hoffend.

Blues 6

  • Der Abend, an dem wir wegen der Sperrstunden des Parks verwiesen werden und schließlich am Themseufer von Greenwich landen. Mit Wein, Chips und dem besten Fern-Seh-Programm der Welt: Sonnenuntergang.

Blues 7

  • Der Bücherflohmarkt am Southbank Centre, bei dem ich beschließe, eine Ausgabe von Shakespeares „As you like it“ mitzunehmen und der Besitzer mir stolz erzählt, dass sie vorher mal dem Mann der Enkeltochter von Canadas erstem Prime Minister, John MacDonald, gehört haben soll. Bücher machen Weltreisen.
  • Dieses Schild am Nachbarhaus – und eine Straßenecke weiter eine Wiese mit regelmäßiger Geräuschkulisse von Kindergeschrei und heruntergezähltem Versteckspiel-Countdown. Three, Two, One…

Blues 8

  • Der Spaziergang, bei dem ich komplett plan- und vorhabenlos durch die Innenstadt laufe und wie aus dem Nichts Chinatowns Gassen vor mir auftauchen.

Blues 9

  • Der Tag, an dem einfach alles doof ist und mitten im größten Rush hour-Gehetze dieses Plakat hängt:

Blues 10

  • Die Nebensitzerin im Bus, die an meinem letzten Bürotag fragt, ob das wohl ein Kuchen in meiner Hand sei und mir am Ende des Gesprächs erklärt: „I’m sure you will move on to something which makes you happy as well.“
  • London, you pierced me to the heart.

Blues 11

Flowerpower

Jeden Sonntagmorgen füllt sich die Columbia Road im Osten Londons mit geschäftigem Treiben. Dann rollen schon morgens um Vier Last- und Lieferwägen an, beschriftet mit Slogans wie „Holesale Bedding & Pot Plants“. Ladeklappen öffnen sich und herausgeschoben werden große stählerne Regale, auf denen nichts weiter … Flowerpower weiterlesen