Pole pole!

Immer wieder das gleiche Raster: Man kommt heim von Schule, Uni, Arbeit oder etwaigen anderen außerhäuslichen Aktivitäten und nach dem Gang zum Kühlschrank folgt sogleich der Gang zum Schreibtisch.
Auf diesem Schreibtisch steht der Zeitfresser. Auch Laptop genannt.
Ungeduldig fährt man diesen hoch, „Bitte geben Sie Ihr Passwort ein“, eigentlich müsste der PC nach den gefühlten drei Millionen Malen das Einloggen schon von selbst erledigen können. Nun gut.

Pling. Das Nachrichtenfenster öffnet sich. „hey du“ „hallo“ „wie gehts?“ „gut und selbst?“ „auch gut“ Fünf Minuten Pause. „jo ich muss dann mal bye“ „okay bye“
Man scrollt mit der Maus die Seite hinunter, liest sich Statusmeldungen durch wie: „Man war ich gestern fertig. Weiß jemand wie ich heimgekommen bin?!“ oder „Scheiß tag. Kopfweh und meinen Ex wiedergesehn“ oder „isst jetzt einen Joghurt“.
Vor einer Minute und 36 Sekunden hat jemand die neuesten Fotos vom Winterurlaub hochgeladen, auf denen man sich entspannt rekelnde Menschen in Ski-Montur im Sonnenstuhl liegen sieht. 15 „gefällt mir“-Klicker haben bereits ihren Senf dazugegeben sowie neidische Kommentatoren, die wahrscheinlich gerade mit einem Mettwurstbrötchen im Magen und Langeweile im Kopf ihren Feierabend beschließen: „Boah wahnsinn, wo wart ihr da? Ich möchte da jetzt auch sein!“
Nicht zu verachten sind außerdem die Wochenend-Party-Bilder. Entweder, es sind ganz normale, fröhliche Menschen abgebildet, die sich mit einem „Oh gott war ich da dicht“ outen, oder das krasse Gegenteil, nämlich toter als tot aussehende Schnapsleichen, die sich munter verlinken lassen.
Irgendwie desillusioniert sieht man noch ein letztes Mal in sein Nachrichtenfach, um gleich darauf auf Abmelden zu klicken, weil die erhaltenen Nachrichten nicht wirklich von Belang sind.

Aber was bedeutet schon „von Belang“?
Für so manchen User bedeutet es anscheinend, einem sogenannten Freund, den er höchstwahrscheinlich erst einmal im Leben oder noch gar nicht gesehen hat, die Phrase „wie gehts“ hinzuklatschen, nur um ihn wissen zu lassen, dass man ja auch noch da ist.
Es bedeutet anscheinend, das gesamte Forum an seinem Leben teilhaben zu lassen. Seien es private Dinge via IPhone (befinde mich gerade auf dem Klo, mensch der Saft wirkt irgendwie abführend) oder öffentliche (nehme teil am Event Schokolade-Wettessen am Freitag, den 11.11.2011 um 11.11 Uhr).
Es bedeutet anscheinend, allen zu demonstrieren, dass es einem wahnsinnig gut geht (Kurztrip nach St. Moritz und weiter nach Abu Dhabi), man mit sich im Reinen und zufrieden ist.

Doch: was wären wir ohne unsere social networks? Nie war Kommunikation schneller. Eine Info – ein Klick – mehrere Menschen erreicht. Empfänger abtelefonieren war gestern, heute werden Messages auf Facebook verschickt. An sich habe ich ja gar nichts dagegen. Schließlich habe ich auch nicht immer Lust, smalltalk zu betreiben und schreibe stattdessen lieber eine SMS oder eben Nachricht. Nur irgendwie bleibt mir dabei das Persönliche auf der Strecke. Durch die Kürze und Knappheit wird man meist nicht einmal mehr mit Namen begrüßt, sondern einem „Hi“. Leute, die mich wahrscheinlich nicht einmal auf der Straße grüßen würden, beenden ihre SMS mit einem „Hdl“. Antworte ich nicht innerhalb von zwei Minuten, macht sich Unmut seitens des Absenders breit.

Sie scheint eine natürliche Entwicklung zu sein, die Beschleunigung des Alltags. Und natürlich wirkt sie sich auch auf unsere Kommunikation aus. Nur würde ich mir manchmal einfach das Gegenteil, nämlich etwas mehr Entschleunigung, wünschen. Ein Bewusstsein darüber, was ich da jetzt eigentlich schon wieder ansonsten kopflos poste oder in mein Handy tippe.  In Mombasa würde man sagen: „Pole pole!“ (Langsam/Entspannt). Und das würde ich manchmal auch allzu gerne fordern. Pole pole.

Life in a day

In meinem Studienort gibt es ein Programmkino. Ich mag diese Art von Kinos sehr, da sie dem Publikum nicht (nur) Kommerzielles bieten, sondern auch weniger beachtete Filme zeigen. Filme, die mit nicht weniger Aufwand oder Liebe zum Detail gefertigt wurden, aber vielleicht nicht immer den Erwartungen eines Blockbuster-Konsumenten gerecht werden wollen.

„Life in a day“, den ich zuletzt in ebenjenem Programmkino sah, ist so ein Streifen. Genauer gesagt ein Experiment: Menschen auf der ganzen Welt waren dazu aufgerufen, an einem ganz bestimmten Tag (dem 24. Juli 2010) ihr Leben zu filmen und das Ergebnis anschließend auf der Videoplattform Youtube zu veröffentlichen. Unter der Leitung der Regisseure Kevin Macdonald und Ridley Scott wurden die 4.600 Stunden Videomaterial dann zu einem 90-minütigen Film zusammengeschnitten.

Zu sehen sind Leute, wie sie ihren Alltag verbringen. Frauen, Männer, Mädchen, Jungen, Babys, Opas. Beim Aufstehen, beim Zähneputzen, beim Autofahren. Klingt an sich nicht wirklich spannend  und zugegeben, manchmal driften meine Gedanken ab. Aber auch nur, weil ich mich an Episoden und Momente meines eigenen Lebens erinnere und in ihnen verweile.

Und so sitze ich am Ende der Vorstellung in meinem Kinosessel, in den ich, ohne es zu merken, tief hineingerutscht bin, und fühle mich klein und unbedeutend. Einerseits, weil so viele unterschiedliche Geschichten oder auch Schicksale gezeigt werden und ich wieder einmal erkenne, dass leben ein Geschenk ist. Da ist zum Beispiel der junge Mann, der schon seit mehreren Jahren die Welt per Fahrrad bereist. Oder der kleine Junge, der für Passanten Schuhe putzt und dessen ihm teuerstes Gut sein Spiele-Laptop ist. Andererseits, weil ich zwischen der rührenden Musik und all den flimmernden Episoden in Ruhe Zeit habe, darüber nachzudenken, was das Leben der Menschen auf der Erde eigentlich bedeutet: wenig bis nichts. Und doch so viel.