Graue Katzen

Dieser Moment, wenn der Zenit überschritten ist. 03:00. Der Körper liegt müde da, der Kopf aber läuft weiter, einfach so, als hätte er noch nie was von ‚in den Schlaf gleiten‘ gehört. Und mit jeder Minute, die das rote Ziffernblatt vorwärts springt, und mit der man sich eigentlich am liebsten rückwärts in den Traum fallen lassen möchte wie in ein weiches Laken, da kommt einem das eigene nervenraubend unbequem vor. Jede seiner Falten drückt in die Haut und das Kissen, auf dem man alle paar Sekunden die Position wechselt, raschelt von all den Federn. 03:20. Daneben liegt ein anderer Mensch, dessen Brust sich unbeirrt hebt und senkt. Friedlicher Schlaf der Ahnungslosen. Und während die Gedanken rattern, hat man Lust auf: Nichts. Nichts hören, keine Musik vernehmen, keinen Gesprächen folgen. Nichts sehen, keine Serie gucken, keine Handlung verstehen. Aber so daliegen und sich im Kreis drehen bis der Morgen graut? Nein danke. 03:35.

Also leise erheben, in die Schuhe schlüpfen, behutsam die Tür ins hallende Treppenhaus hinter sich schließen und laufen. Die Luft ist gar nicht mal so kalt, aber die Frische lässt den Kopf klarer werden und die Dunkelheit bewahrt vor dieser Flut an Reizen, die der Alltag sonst mit sich bringt. Es ist still und riecht nach Sommerregen auf Asphalt. Ich wende mich nach rechts und laufe drauflos. Bewusst gemächlich, was mir sonst kaum gelingt, da es irgendein schnelles Ziel immer gibt. An den Straßenseiten stehen einsam abgestellte Wägen wie stumme Zeugen herum. Hinter einem davon trippelt ein Igel hervor, er verliert sich eilig im Gebüsch gegenüber. Auch er hat wohl keine Lust auf reden. Und womöglich haben auch ihn die fernen Sirenen eines Krankenwagens hochgeschreckt, unterwegs zu einem unbekannten Drama.

Hin und wieder blitzt im Vorbeischlendern ein Bewegungsmelder auf, versucht vielleicht, durch Abschreckung die bewusstlosen Bewohner der Häuser zu verteidigen. Und in der Tat fühle ich mich gleich ein bisschen kriminell, obwohl ich doch eigentlich nichts und niemanden klauen, höchstens das innere Hamsterrad zum Schweigen bringen will. Und tatsächlich gelingt das. Langsam. Ich laufe weiter, einen tappenden Schritt vor dem anderen, und im Zwielicht stolpere ich beinahe über eine Baumwurzel, die sich unter dem Asphalt verborgen über den Gehweg daherschiebt. Bei Tageslicht wäre mir das bestimmt nicht aufgefallen und ich würde dann auch bestimmt nicht beginnen, darüber zu sinnieren, welche Wege die Natur sich wohl schlüge, würde sie nicht von Beton, Asphalt und Glas im Zaum gehalten.

Als ich um eine Ecke biege und die Parallelstraße zurückgehe, da taucht ein altes Feuerwehrauto auf, einem bemoosten Blech-Dinosaurier gleich. In vereinzelten Wohnungen daneben brennt noch Licht, grell bis golden, und ich stelle mir vor, was die Menschen hinter diesen Fassaden wohl gerade tun. Vielleicht sind sie gerade aufgestanden und machen sich bereit für ihre Schicht, vielleicht das Gegenteil und sie kommen nach Hause von einem langen Abend. Vielleicht sind sie aber einfach genauso schlaflos wie ich, spielen Computer, lesen, streiten, lachen. Oben im Dachgeschoss auf dem Balkon sitzen dunkle Schatten, ihre Stimmen wabern durch das Flackern brennender Kerzen und wehen auf die Stille hier unten hinab. Auf dem Sims vor der Haustür eine Katze, ihre glimmenden Augen durchdringen die Finsternis vermutlich besser als meine – und doch war ich die vergangenen Minuten genau für diesen Filter dankbar: für die dunkle Zeit, die sich wie ein weiches Tuch über Farben und Geräusche legt und alle Katzen grau macht; für die Friedlichkeit, die dem hektischen Tag einen Ausklang gibt und auch rennende Gedanken zum Schleichen bringt. 04:10. Gute Nacht, Freunde.

Ein Gedanke zu “Graue Katzen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s