Change

Freundschaft: Substantiv, feminin – auf gegenseitiger Zuneigung beruhendes Verhältnis

Vor ein paar Jahren habe ich schon einmal über den Wert des Briefeschreibens nachgedacht. Damals lag der Grund darin, dass ich einen Weg gesucht hatte, lang schwelende Gedanken adäquat in Worte zu fassen. Nun ist der Grübel-Grund ein anderer, nämlich das diffuse Gefühl, dass etwas zu kurz kommt. Um genauer zu sein, ist mit „etwas“ wohl Freundschaft gemeint: diese (oft platonische) Beziehungsform, in der man sich grundlegend sympathisch ist, mal unterschiedlich viel oder wenig voneinander weiß und durch gemeinsame Interessen bzw. Abneigungen halbwegs konstant daran interessiert ist, zu erfahren, wie es dem anderen über die Zeit so ergeht. Ob er glücklich ist, sich mit seiner Familie verträgt, zum Karriere-Streber mutiert, dem Liebeskummer erliegt, Feiernächten oder alles zusammen.

Bisher waren diese Freundschaften relativ unaufwändig zu pflegen, denn mit dem Großteil der Menschen, die ich gern habe und aufrichtig meine Freunde nennen würde, mit dem lebte ich gemeinsam in einer Stadt. Manche sah ich mehrmals wöchentlich im Seminarraum, andere täglich Zuhause. Jetzt haben sich nahezu alle von ihnen in verschiedene Richtungen verstreut, sind mindestens hunderte von Kilometern voneinander entfernt und wer weiß, vielleicht bald über die ganze Welt verteilt. Ein Zustand, den ich in diesem Ausmaß zuletzt nach dem Ende der Abiturprüfungen erfahren habe – und ein Zustand, für den mittlerweile ein scheinbar probates Mittel gegen die physische Abwesenheit gefunden ist, das liebe Internet. Und genau hier frage ich mich nach nur ein paar Wochen, ob das reicht, ob Simplizität auch gleich Qualität ist. Klar kann ich auf den üblichen verdächtigen Kanälen wie Twitter und Facebook und Snapchat und TheNextBigThing den Alltag meiner Freunde nachvollziehen. Von WhatsApp & Co. und ihren ominösen Sprachnachrichtenfunktionen ganz zu schweigen!  Ich kann sehen, in welcher Stadt meine Freunde wann leben und überhaupt alles, was sie mit einem Netzwerk zu teilen bereit sind. Ich kann visuell mit ihnen telefonieren und diese Zusammenkunft vor dem Laptop theoretisch mega spontan per Kurznachricht verabreden. Aber meistens reicht es eben doch höchstens für ein „Wie gehts?“ und die anschließende Antwort. Und das (natürlich meistens nicht mal unaufrichtig gemeinte) Versprechen, sich spätestens, wenn man in derselben Stadt weilt, zu treffen. Anna Staab hat über dieses Ende des gemeinsamen Alltags geschrieben, mit einem wahren und versöhnlichen Fazit.

Aber genau das alles scheint mir momentan nicht zu reichen. Dann wünsche ich mir – und manchmal kommt mir das sehr egoistisch vor -, dass ich mehr von meinen Freunden erführe, mehr als „Fein und dir so?“ oder ein Foto ins Leere lächelnder Gesichter. Nämlich die Gefühle und Gedanken und verschlungenen Wege, die hinter all dem stecken. Und wenn ich mir das wünsche, dann stelle ich mir vor, dass so ein Brief selbstverständlich nicht den Geruch oder die Berührung eines anderen Menschen ersetzen, aber das Gefühl der Unvollständigkeit vielleicht wenigstens ein bisschen kompensieren könnte. Weil ich dann etwas in der Hand hielte, das persönlicher und ausführlicher wäre als ein digitaler Pixel, nämlich die Handschrift, über Seiten verteilt. Und dann denke ich weiter, dass so ein Brief wahrscheinlich gar nicht ankäme, weil er gar nicht erst geschrieben würde und zwar aus demselben Grund, aus dem die knappen Nachrichten, Telefonate und Fotohäppchen erst entstehen und vor dem wohl niemand gefeit ist: Zeit und Geduld in ihrer Begrenztheit. Und darum ist es wohl auch höchste Zeit, ein weiteres Wort nachzuschlagen. Oder?

Changement: Substantiv, Neutrum – Vertauschung, Wechsel, Änderung

4 Gedanken zu “Change

  1. Ich lese diesen Artikel immer wieder und finde mich jedesmal neu darin wieder. Diese Sehnsucht, doch mehr am „neuen Leben“ der Freunde teilzuhaben, ohne weiterhin ein zentraler Teil ihres Alltags zu sein. Wunderschön und treffend geschrieben, danke dir dafür!

  2. Schön, dass du meinem Blog folgst. Leider schaffe ich zurzeit nicht gerade viel Publikationsreifes zu schreiben. Ich bitte dich also um etwas Geduld. Was das Fazit von Anne Staab angeht: Ich finde es überhaupt nicht versöhnlich, stellt es doch die Nähe über den gemeinsam erlebten Schrecken (wieder) her. Mein Vorschlag: Neue Dimensionen der Freundschaft über den Umgang mit der Sprache zu (er-)finden. Literatur als Post. Ein altes Konzept meiner Freundin Frederike Frei – die ich heute allerdings auch nur noch sehr selten sehe…

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar! Ich glaube, mit „versöhnlich“ meine ich die Aussage, dass es möglich ist, sich trotz der Ferne durch vergleichbar Erlebtes einander nah zu fühlen.
      Die „Literatur als Post“-Sache klingt spannend – wahrscheinlich sollte man so etwas (konzeptionell wie auch immer geartet) viel öfter tun…

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