Glück

„Gratulation Ihnen zum nun abgeschlossenen Studium!“ Ein obligatorisches ‚Vielen Dank‘, das ich meinem Dozenten darauf leicht hätte erwidern sollen, ließ einige Sekunden auf sich warten. So ganz glauben konnte ich den Fakt nämlich nicht und auch jetzt, einige Tage später, fällt es mir schwer. Dabei waren die vergangenen vier Jahre, nicht nur aber hauptsächlich, ein Hinarbeiten auf diesen einen Augenblick. Währenddessen habe ich eine Uni besucht, in drei Unternehmen gearbeitet, in vier Städten gelebt und mit vierzehn verschiedenen Menschen zusammen gewohnt. Das alles neigt sich einem Ende entgegen. Und der Augenblick, er scheint langsam und lautlos einem Treibsandloch gleich zu verschwinden – obwohl er doch, gemessen am Weg, ein einziger Rumms voller Glück sein müsste?

In den vier Jahren bin ich an der schwurbeligen Ausdrucksweise so manches Soziologen verzweifelt und war zugleich beseelt über kleine Aha-Momente beim Lesen so einiger Theorien. ‚Universität‘ hatte stets einen Artikel vor sich stehen, denn es war nicht irgendeine, es war meine: Ich hatte das Gefühl, sie mitgestalten zu können; der Wunsch, dass dieses Gefühl weder bei mir noch den eigenen Kommilitonen abhanden kommen möge, führte schon mal zu direkt aus dem Herzen ins Notizheft geflossenen Briefen. Dazwischen lernte ich, fremde Meinungen zu akzeptieren (oder es zumindest zu versuchen), Zeit nach meinen Aufgaben und Bedürfnissen einzuteilen, halbwegs struktur- und argumentlastige Texte zu schreiben, Radiosendungen zusammenzustellen und Redaktionsmitglieder (hoffentlich liebe- und verständnisvoll) in den Hintern zu treten.

In den vier Jahren war die Uni also so etwas wie mein alltägliches Zuhause – und die Mitglieder der WG meine geschätzte Familie. Wenn ich in die Einfahrt des Apfelhofs einbog und bald darauf die vibrierende Eisentreppe beschwingt emporlief oder aber erschöpft hinaufstapfte, dann freute ich mich nahezu jedes Mal auf mir vertraute Gesichter, ihre Launen und Geschichten des Tages. Es wird mir fehlen, mit diesen liebgewordenen Menschen meinen Alltag zu teilen, aufgeregt und schimpfend von gefühlt lebenswichtigen oder denkbar banalen Sachen zu berichten, sich gemeinsam zu freuen und zu feiern oder einfach bloß müde am Küchentisch zu hängen, in stummer aber geschützter Gesellschaft ein Butterbrot zu essen und mit einem leisen Gutenachtgruß zu entschwinden. Entsprechend viel Dankbarkeit hat sich also im Kontext dieses meines Lebensabschnitts angesammelt: Für verlässliche Freundschaften, die neben all den Annehmlichkeiten auch mal die Aufgabe des unglorreichen ‚Kopf waschens‘ übernahmen. Für das schonungslose Erfahren menschlicher Abgründe. Für durchtanzte Nächte und anschließende Fahrradfahrten, während derer der Sternenhimmel so selten nah erschien. Für Film-Verabredungen bei denen dann doch mehr miteinander geredet als geschaut wurde. Für Notfall-Treffen mit zu süffigem Wein und still-verständnisvoller Ablenkung. Für rituelles ‚Gedanken-Aus‘-Sitzen am Wasser, das man doch erst im Nachhinein schätzt. Für regelmäßiges Verloren sein in einer Stadt und das folgende Heimkommen in ihrem Entdecken, in Jobs und Menschen.

In den vier Jahren bin ich ein ganzes Stück mutiger in der Welt geworden, vertrauensvoller in mich selbst und erfahrungsreicher mit anderen. Genau das alles bedeutet für mich Glück. Und die Zeit zeigt: Ganz und gar nicht kommt das mit diesem dicken, die ganze Zeit erwarteten und plötzlichen Rumms. Sondern vielmehr mit schleichender, aber sicherer Erkenntnis – denn es war immer schon da.

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