Ahnungen vom Fehlen

Nach einem halben Jahr Bodensee-Absenz hatte sich die Rückkehr richtig angefühlt, ein wenig sogar wie Heimkehr: helle Tage im Freien, zwischen Apfelfeldern, Bootsausflügen und Fahrradtouren; heiße Nächte unterm Dach, die Fenster sperrangelweit geöffnet, wabernde Lichter des nächsten Dorfes in der Ferne. Das neue Semester begann und mit den dahingleitenden Monaten wurden die Tage kürzer, die Nacht rückte näher an den Morgen heran, von Woche zu Woche wurde es kühler, die Blätter farbiger und nach dem leichten Sommer wechselten die Gedanken nun nur noch zwischen Abschlussarbeit, Tee kochen und Gesprächen hin und her. Kurz: das Unterbewusstsein hatte sich schon halb verabschiedet, mitten in diesem letzten, finalen Abschnitt – und der See war vergessen. Bis heute Morgen. Ich radelte von meinem Besuch bei einem wundervollen Menschen nach Hause; zunächst durch die wuselige Fußgängerzone, vorbei an Marktgängern, die ihren Käse kauften und die zufrieden um Tische versammelt saßen, in dicken Jacken und derben Schuhen und mit einem Glas Weißwein vor sich. Satzfetzen, Heiterkeit und das Gesumme eines Samstagvormittags. Durch Geschäftsstraßen, über Kopfsteinpflaster bog ich in eine Gasse ein, um die nächste Ecke – bis Stille mich umgab. Diese Stille, die nur der See erschafft in seiner unverrückbaren Friedlichkeit. Ein manchmal unheimliches Schlucken gefühlt aller Geräusche. Kein Motorenlärm, nur gedämpfte Schritte und die stahlgraue Oberfläche leicht gekräuselten Wassers, die dem Blick – und den Gedanken – das Schweifen in die Ferne erlaubt. Im Schritttempo fuhr ich die Promenade entlang. Dachte an all die Momente, die ich am Ufer verweilt hatte, während die Wellen kamen und brachen. Lachend, weinend, nachdenkend. An all die Gespräche, die ich geführt hatte, während die Sonne sich im Wasser spiegelte oder schon längst verschwunden war. Banales Gerede, Liebeskummer-Getröste und philosophisches Geplänkel. Ich hielt, quietschende Bremsen durchzuckten die Stille, all meine Erinnerungen und mich: Bodensee, dich werd‘ ich vermissen.

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