That grows and this goes

Die Ziege sehen wir schon von Weitem. Mitten auf dem Vorplatz des Old Spitalfields Market steht die weiße Statue und weist uns den Treffpunkt zu einem Spaziergang, der vom Namen her Unterhaltung verspricht und am Ende nachdenklich zurücklässt: Street Art London Tour.

Ben Slow heißt der junge Mann, der uns für die nächsten zwei Stunden durch das Viertel nahe des Londoner Knotenpunkts Liverpool Street führen wird. Am Fuß der Ziege steht er parat, umringt von ersten Ankömmlingen und in lässigem Look: bunte Turnschuhe, Jeans und Pullover, die braunen Haare bedeckt von einer blauen Wollmütze, die er selbst dann nicht abnehmen wird, wenn die Sonne auf uns herunterbrennt. Der Grund hierfür wird später offenbar.

Ben ist selbst Street Art-Künstler und das Viertel seine Hood, soviel ist schnell klar. Zunächst folgen wir ihm blind, bleiben stehen, wenn er stoppt, hören zu, wenn er erzählt, von der Industrialisierung und dem Krieg und den Migrantenschwärmen, die all das Ringsherum geprägt haben. Doch er hält uns dazu an, selbst die Augen aufzumachen, jede Mauer zu registrieren, jedes Eisentor, jedes Straßenschild. Und bald fallen Kleinigkeiten auf, an denen man sonst vielleicht vorbeigehetzt wäre. Da ist dieser Mini-Sticker auf dem Vorfahrtsschild, der da eigentlich gar nicht hingehört; eine kleine Statue mit (echten) Taubenflügeln, platziert auf einem Zone 20-Hinweis; das Portrait einer Frau, versteckt um eine Ecke, das wohl mal mit Glitzer besprüht war. Wir sind nun am Bricklane Market, überall indische Restaurants, bunte Marktstände, bunte Menschen und vor uns taucht eine Häuserlücke auf, übersät mit Schutt und altem Baumaterial – und an den Wänden rechts und links riesige Bilder:

2

Wir fragen uns, wie so etwas auch an den Wohnhäusern nebenan möglich ist und kommen schließlich zum hauptsächlichen Unterschied zwischen Street Art und Graffiti: Das eine geschieht mit Zustimmung der Besitzer, das andere nicht. Und je länger der Walk dauert, desto mehr denke ich auch an den ästhetischen Punkt. Street Art-Produkte kommen mir weniger übereilt vor, geplanter, strukturierter, sorgfältiger, manches Mal versteckter und damit auch irgendwie schöner für’s Auge und den Sinn. Viele Dinge sind aufgeklebt und so leichter wieder zu ersetzen. Denn auch das ist Street Art: Zirkulation, Veränderung, nichts Bleibendes.

3

Dass der Aspekt des Temporären durchaus wörtlich zu nehmen ist, darauf macht Ben in diesen zwei Stunden mit einer Dringlichkeit aufmerksam, wie sie nur von jemandem kommen kann, der innerlich betroffen ist. „That grows“ sagt er und zeigt auf angrenzende Hochhäuser mit glänzenden Fenstern und frischen Fassaden „and this…“ ein Blick zu den geduckten Backsteinbauten, die sich in langen Gassen erstrecken und in denen so viel Leben ist, „goes.“

Ein bisschen versucht auch Ben dagegen anzukämpfen, auf seine Weise. Seine Spezialität sind Gesichter, überlebensgroße Portraits, „people that deserve to be immortalised„. Einem dieser Köpfe begegnen wir natürlich auch auf unserem Spaziergang. Es ist der von Charlie, einem verstorbenen Ureinwohner Londons, wenn man so will, von dem Ben erzählt, dass er zum Inventar dieser backsteingesäumten Wege gehörte. Charlie kannte jeden und die Straße kannte Charlie.

3,5

Doch solche kleinen, täglichen Erinnerungen, auf Mauern geprägt und für jedermann sichtbar, werden hier bald nicht mehr möglich sein, da ist Ben sich sicher: „The city grows and swallows everything that isn’t intended to be capital.“ Selbst hier, wo allmählich der Londoner Osten beginnt, wo ein paar Tube-Stationen weiter an jeder Häuserecke diese Kunstwerke der Öffentlichkeit zu finden sind – selbst hier soll langsam aber sicher das Straßenbild ein anderes werden? Sauber, effizient, teuer.

4

Als wir wieder am Old Spitalfields Market ankommen, ist die Stimmung ein wenig gedrückt. Denn Street Art scheint also auch eine Botschaft zu haben, die bereits ihrer Existenz immanent ist: Wo sie einmal war und nun nicht mehr möglich ist, da scheint ein Gemütswandel stattgefunden zu haben; der Prozess des Verschwindens markiert diesen Wandel. London ist eine Finanzstadt und jeder, der hier lebt, ist automatisch Teil davon – allein und vor allem, indem er Miete zahlt. Selbst Ben, dem die Street Art so viel bedeutet und der ein bemerkenswertes Bedauern über den langsamen, aber steten Verlust seines Viertels verspürt, ist Teil von all dem. Bloß ist er, der am Ende seine blaue Mütze vom Kopf nimmt, um in ihr den Lohn für seine so aufrichtige Führung zu sammeln, sich dessen nur zu bewusst. Und versucht mit kleinen Details, auch andere zu mehr Aufmerksamkeit zu bewegen.

5

3 Gedanken zu “That grows and this goes

  1. Ich musste beim Lesen daran denken, dass in Berlin der Künstler BLU an der Curvy-Brache seine Streetartwerke dort letztes Jahr übermalen hat lassen, als die Brache von einem Investoren gekauft wurde.(http://www.nerdcore.de/2014/12/12/blu-is-painted-black-in-berlin/ ). Bevor die Zeichnungen komplett unter schwarzer Farbe verschwanden, war eine zeitlang nur ein Mittelfinger zu sehen.

    Steigert StreetArt inzwischen vielleicht sogar den Marktwert von den Häusern selbst oder den gegenüberliegenden, die draufschauen? Oder finden das zwar viele hip und kreativ, wollen es aber doch nicht vor ihrer eigenen Haustür?

    1. Das ist eben genau dieses Dilemma, das man als Laie/Passant/Auf der Durchreise-Wohner gar nicht wirklich einschätzen kann: Inwiefern ist die Street Art Protest oder gar Katalysator für den Wandel selbst? Deshalb meinte ich auch, dass jeder seinen Teil dazu beiträgt, ob er will oder nicht. Weil man automatisch den Hype befeuert, indem man mittendrin wohnen möchte (weil es einfach bequemer ist als stundenlang zur Arbeit zu fahren) und dann aber bitte auch noch authentisch. Ironie der besonderen Art.

      1. Neulich habe ich irgendwo „Wenn du weißt, was Gentrifizierung bedeutet, bist du Teil davon“ gelesen. Irgendwo stimmt das wohl ;)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s