Flüssiger Schimmer

Die Luft draußen ist bitterkalt, drinnen aber ist sie warm und trocken von der Heizung und den vielen Menschen. Das Zugabteil ist voll, nahezu jeder Platz besetzt. Ich verstaue, nicht ohne Torkeleinlage, mein Gepäck und lasse mich neben einem Mann älteren Semesters nieder. Augenkontakt, wir nicken uns kurz zu. Mein Nachbar ist groß und hager, die Beine sind schräg in den Fußraum geklemmt, wie bei einem Fohlen. Er trägt einen grauen Anzug und eine silbergerahmte Brille, die Haare sind ordentlich gekämmt, ich schätze ihn auf Mitte Siebzig. Gedankenverloren blättert er im Serviceblatt der deutschen Bahn; ich vertiefe mich in meine Zeitschrift.

Es ist der letzte Tag vor Silvester, in der vergangenen Woche hat es viel geschneit und so bekommt keiner der Reisenden die Zugverbindung, die er ursprünglich nehmen wollte. Aber die Leute nehmen es erstaunlich gelassen, beinahe schon gleichgültig, niemand zetert oder wirkt genervt, alle sind in ihre eigenen Gedanken versunken, so scheint es. Mittlerweile sind wir an Mainz vorbei, ich sehe im Augenwinkel die Landschaft vorbeiziehen und nehme mir vor, die Zeitschrift wegzulegen und stattdessen aus dem Fenster zu gucken, sobald ich mit dem nächsten Absatz fertig bin. Der Mann neben mir hat wohl das Selbe gedacht. Behutsam schiebt er das Serviceprospekt zu mir hinüber. „Wenn Sie´s auch mal lesen wollen.“ Und fügt hinzu: „Jetzt kommt der schönste Teil der Strecke.“ Ich nicke wieder und lächle. Meinen Absatz habe ich zwar immer noch nicht fertig, aber sei´s drum. Mit einem leise klatschenden Geräusch klappe ich die Seiten zu und hebe den Blick.

Links fließt langsam und gemächlich der Rhein vorbei, mal breiter, mal schmaler; rechts erheben sich steile Felshänge voller schneebehangener Bäume und Sträucher, kleine Häuser und sogar Burgen sitzen vereinzelt darin wie von einem Riesen hinein platziert. Ich kann mir nicht helfen, beim Blick auf die Natur befällt mich stets die Demut. Ich wende mich zu dem Mann um und flüstere: „Schön.“ – „Jaha,“ antwortet der und tippt mit einem Finger auf die Scheibe, „und wissen Sie, was das da oben ist?“ Ich schüttele den Kopf. „Das ist die Loreley. Haben Sie eine Ahnung, warum das so heißt?“ Wieder Kopfschütteln. Im Kontakt mit älteren Menschen komme ich mir immer vor, als hätte ich meine Allgemeinbildung im Kindergarten erworben. „Ley heißt Fels. Nach dem Lied von Brentano zumindest ist das der Fels der Lore. Ganz einfach, nicht?“ Er wird noch von vielen Dingen erzählen, die auf unserem Weg liegen und von denen ich nichts weiß und gerne noch viel mehr wüsste, Burgen und Wegen und Orten.

Eine Weile sitzen wir dann schweigend da, der ratternde und quietschende Zug, das vorbeifliegende Draußen und wir. Ich mag den Mann neben mir mit jeder Minute. Er hat einen feinen Zug um den Mund, fast so als würde er lächeln, aber verhalten, sonst wäre das schon zu viel der Gemütsregung, und wache, gelassene Augen. Schließlich kramt er zwei kleine Täfelchen Schokolade heraus und hält sie mir hin. Seine Hand ist fragil und mit unzähligen Altersflecken übersät. „Bitteschön.“ Die Schokolade ist wirklich gut, wir knabbern und gucken. „Wissen Sie, vor drei Jahren ist meine Frau gestorben. Und ich merke doch, wie schön das Leben ist.“ Die Kuhle unter seinen Augenwinkeln füllt sich mit flüssigem Schimmer. Meine auch ein bisschen, zumindest gefühlt. Obwohl ich ihn gar nicht richtig kenne, tut es mir entsetzlich leid. Wir reden über Bücher, die wir gelesen haben, Schriftsteller, die wir gerne mögen. Er erzählt mir von einem, dessen Namen er nicht mehr weiß. Und stockt. „Ich habe da ein kleines Problem, es hängt mit dem Gehirn zusammen – bestimmt haben Sie es schon bemerkt.“ Ich verneine ehrlich und sage, dass ihm der Name ganz bestimmt wieder einfällt. Er lächelt vage, „Ja, wenn Sie mich in ein paar Tagen nochmal fragen würden, ganz bestimmt!“, dann: „Man nennt es auch Demenz.“ Zum zweiten Mal in diesem Gespräch wanke ich innerlich kurz. Als ich aussteigen muss, und wir uns alles Gute wünschen, da meine ich es auch so. Und weiß, dass ich ihn noch lange in Erinnerung tragen werde.

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